Satzgirlanden: uff!

Der Bandwurm haust im Darm, wo er von den Nahrungsmitteln lebt, die sein Wirt verspeist hat. Eine solide Außenhülle schützt den Bandwurm davor, selbst verdaut zu werden. Er ist ein äußerst widerstandsfähiges Wesen. Das zeigen auch die deutschen Texte, in denen der Bandwurm allzu oft sein Unwesen treibt. Zwar bemühen sich viele Autoren, kundige wie unkundige, junge und alte, ihre Leser mit verständlichen Formulierungen zu erfreuen, die ihre Lust an der Lektüre erhöhen, doch gelingt es vielen nicht oder nicht immer, aus welchen Gründen auch immer, sich an die ehernen Grundsätze guten Schreibens zu halten, die schon Goethe und Schiller und vor ihnen und nach ihnen viele andere Schriftsteller – deutsche wie ausländische – kannten, deren Werke – Dramen, Romane, Gedichte und dergleichen – die Schüler im Deutschunterricht besprechen – voller Elan oder nicht.

Uff!

Führt jemand eine Statistik darüber, in welcher Art von Texten der Bandwurmsatz am häufigsten vorkommt? Thomas Mann schrieb gern lange Sätze. Sie sind geradezu sein Markenzeichen. Es darf trotzdem vermutet werden, dass die gruseligen unter den Bandwurmsätzen eher in Amtsstuben fabriziert werden als auf den Computertastaturen von Literaten. Jedenfalls stöhnen mehr Bürger über Amtsbescheide und Gesetzesentwürfe als über Romane, die sie nicht begreifen.

In journalistischen Texten hat der Bandwurm nichts zu suchen. Vor allem für Meldungen, Nachrichten und Berichte gilt: Je knapper der Satz, umso besser. Im Idealfall nicht mehr als zehn Wörter, wenig Adjektive, dafür ausdrucksstarke Verben. Hauptsätze kann der eilige Leser besser aufnehmen als Verschachtelungen. Im Internet wird jeder Text, der nicht gefällt, gnadenlos weggeklickt.

In Reportagen, Rezensionen und anderen Darstellungsformen, für die sich der Leser mehr Zeit nimmt, würden ständig aneinandergereihte Hauptsätze hingegen wenig elegant wirken. Die Mischung macht's. Und Hauptsatz plus Nebensatz – das ist nun mal der Klassiker in der deutschen Sprache. Die wichtigste Information steht im Hauptsatz, nicht im Nebensatz. Also zum Beispiel: „Regisseur A beschäftigt sich in seinem neuen Film mit Opfern der Tschernobylkatastrophe, die heute in Moskau leben.“

Bandwurmsätze nerven jedoch auch in Reportagen und Rezensionen. Manche Autoren verteidigen sich damit, dass sie ja für gebildete Leser schreiben. Diese hätten ja mehr Grips und würden sich mehr Zeit nehmen für die Lektüre als die Kunden von Boulevardmedien. Doch auch Studienräte und Ärztinnen wollen keine Satzgirlanden über sich ergehen lassen. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht von Thomas Mann stammen.

Ihre

Josefine Janert