Vom Simsen, Chatten und Twittern

In seinem „Grammatisch-kritischen Wörterbuch“ von 1793 definiert der berühmte deutsche Sprachforscher Johann Christoph Adelung den „Briefbothen“ recht knapp: „ein Bothe, welcher Briefe zu überbringen hat, im Gegensatze dessen, der zu mündlichen Nachrichten gebraucht wird.“ Womit er die technischen Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung seiner Zeit erschöpfend beschrieben hatte. Auch in den folgenden Jahrhunderten hielt die sprachliche Entwicklung mit dem technischen Fortschritt leichtfüßig Schritt, das Wort „Telephon“ – später zu „Telefon“ sprachmodernisiert – lässt sich unschwer aus griech. tele = fern und phone = Stimme ableiten, was sich noch in der betulichen Amtsbezeichnung „Fernsprecher“ widerspiegelt. Auch das entsprechende Tätigkeitswort war schnell kreiert: telefonieren. Später gesellte sich das Telefax hinzu, und hier kam bereits eine gewisse Sprachökonomie ins Spiel: Das schwerfällige engl. „facsimile“ wurde zum „fax“ verkürzt, und der Nutzer der neuen Technik telefaxierte nicht etwa, sondern faxte einfach. Die Sprache hatte die Kommunikation im Griff.

Heute sieht die Welt anders aus: Längst sind Internet und Mobiltelefon zur Selbstverständlichkeit geworden, und die Deutschen leisten sich sogar den Luxus, die umständliche Bezeichnung „Mobiltelefon“ durch ein „englisches“ Wort zu ersetzen, das es im Englischen gar nicht gibt: „Handy“ – während die Engländer „mobile (phone)“ und die Amerikaner „cell (phone)“ sagen. Doch mit dem erweiterten Funktionsumfang der Handys (und nicht etwa „Handies“) geht das sprachliche Tohuwabohu erst richtig los: Wenn wir eine SMS – der Plural lautet übrigens auch SMS und nicht etwa SMSs oder SMSen – verschicken, haben wir sie dann geSMSt? Hier zeigt sich einmal mehr die grandiose Flexibilität der deutschen Sprache oder eher des Volksmundes, der einfach ein i einfügt und so Unaussprechliches („ge-es-em-est“) aussprechbar macht: Wir simsen oder haben gesimst. Kommt die multimedial aufgepeppte MMS ins Spiel, so „mimsen“ wir diese übrigens nicht, sondern es bleibt beim Simsen – so genau will und muss Sprache nicht sein. Und während der Duden solcherlei Kreativität noch streng als umgangssprachlich geißelt, sind Freunde moderner Kommunikation längst viel weiter und werfen zum Entsetzen konservativer Sprachpfleger mit Verben, die simple Ableitungen des zugrunde liegenden Mediums sind, nur so um sich: Man chattet und jabbert, twittert und skypet, dass die Leitungen rauchen.

Derweil bemüht sich der Duden, die neue anglophile Sprachwelt ins strenge deutsche Grammatikkorsett zu quetschen: Zwar erlaubt er großzügig, das Schreiben einer E-Mail sowohl als „emailen“ als auch als „e-mailen“ zu verbalisieren, doch spätestens beim Partizip II müssen die Bindestrichfreunde die Waffen strecken: Hier gibt es nur „geemailt“ – was ja schon konstruiert genug wirkt, so dass das kleine e in der Praxis meist weggelassen wird: wir mailen oder haben gemailt. Im Grundsatz gilt jedoch: Jeder noch so kühne Neologismus muss sich den deutschen Beugungsregeln beugen. So heißt das Partizip II zu „downloaden“ in einem wilden Sprachmix „downgeloadet“ und nicht etwa „gedownloadet“ – und schon gar nicht „gedownloaded“, denn die englische Endung „...ed“ für die Vergangenheitsform darf nicht mit der deutschen Partizipendung „...t“ durcheinandergebracht werden. Wobei spätestens hier ein Punkt erreicht ist, wo wir die deutsche Entsprechung „heruntergeladen“ vielleicht doch vorziehen sollten.

Ihr

Julian von Heyl