Abkürzungsfimmel

Viele Menschen haben einen A-kü-Fi, einen Abkürzungsfimmel. Für Journalisten ist das praktisch. Wenn sie über diese Leute schreiben, sparen sie Platz. Außerdem beweisen sie, dass sie mitreden können. Schließlich strotzen ihre Artikel vor bedeutungsschwangeren Buchstabenkombinationen. „Im BMJ wird über das BBG diskutiert.“ Da sieht der Leser, dass ein Experte am Werk war. Das Dumme ist nur, dass viele Leute den Satz nicht verstehen. Dass BMJ Bundesministerium der Justiz bedeutet, mag manchem noch geläufig sein, aber dass sich hinter BBG das Bundesbeamtengesetz verbirgt, wissen wohl vor allem Beamte und Juristen. Die Zeitungslektüre wird zum Rätselraten – und macht keinen Spaß mehr.

Verwendet werden können Abkürzungen aus dem Duden, etwa UNO und USA. Sie sind jedermann geläufig und müssen im Text nicht extra ausgeschrieben werden. Auch bekannte Markennamen, die aus einer Abkürzung bestehen, brauchen nicht aufgedröselt zu werden, etwa ZDF (Zweites Deutsches Fernsehen) oder SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands).

In einem Fachtext, der sich etwa an Wissenschaftler oder einen bestimmten Berufsstand richtet, müssen die Abkürzungen aus diesem Fach nicht extra erläutert werden: Juristen haben schon im ersten Semester gelernt, dass sich hinter BGB das Bürgerliche Gesetzbuch verbirgt. Tageszeitungen und Publikumszeitschriften werden hingegen von Menschen zwischen 12 und 120 Jahren gelesen. Deshalb sollten alle Artikel allgemein verständlich sein. Nur die Abkürzungen aus dem Duden brauchen nicht erklärt zu werden – alle anderen schon. Dazu zählen die Namen von Verbänden und Organisationen, die weniger bekannt sind als die UNO. Sie sollten bei der ersten Nennung ausgeschrieben werden – mit der Abkürzung in Klammern: Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Danach kann die Abkürzung verwendet werden. Wenn der volle Name gar zu lang ist, ist bisweilen eine Umschreibung möglich, etwa Hightech-Verband BITKOM statt Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien.

Generell gilt: so wenig abkürzen wie möglich. Ein Text, in dem in jeder zweiten Zeile eine Abkürzung vorkommt, ist hässlich, egal, ob er in einem Buch oder einer Zeitung steht. Einem Radio- oder Fernsehbeitrag voller Kürzel kann der Hörer erst recht nicht folgen. Abkürzungen sind abstrakt. In Überschriften wirken sie geradezu abschreckend. Sie sind auch deshalb heikel, weil bestimmte Buchstabenkombinationen unterschiedliche Bedeutungen haben. „o. B.“ bedeutet für den Patienten „ohne Befund“, in einem anderen Zusammenhang jedoch auch „ohne Beruf“ und „ohne Besonderheit“. BBG steht für Bundesbeamtengesetz und auch für Beckenbodengymnastik. Über diese wird im Bundesministerium der Justiz aber sicher nicht so häufig gesprochen.

Ihre

Josefine Janert