Schreiben, was ist
Stellen Sie sich mal bitte einen Augenblick lang keinen rosa Elefanten mit grünen Streifen vor. Denken Sie bitte auch nicht an Ihre Mutter. Auch nach Zwiebeleis mit Lakritzsoße und Heidelbeerstreuseln sollte Ihnen im Moment nicht der Sinn stehen.
Wetten, dass genau das Gegenteil passiert ist!? Sie haben genau an das gedacht, was hier verneint wurde: den rosa Elefanten, Ihre Mutter und das komische Zwiebeleis. Warum das so ist? Wenn etwas verneint wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Ihr Gehirn genau die Information abruft, die Ihr Gegenüber in Abrede gestellt hat. Ihr Gehirn versteht das „nein“ nicht. Das ist ein Gesetz, das Sie mit vielen anderen Beispielen durchexerzieren können. PR-Profis und Politstrategen kennen es. Deshalb gibt es auch kaum Werbung oder Wahlkampfslogans, in denen die Wörtchen „nicht“ oder „nein“ vorkommen. Die wunderhübsche Frau, die in der TV-Reklame mit ihren properen Kindern am Frühstückstisch sitzt, sagt den Zuschauern nicht: „Ohne die Supermargarine können Sie den Tag nicht beginnen.“ Nein, ihre Botschaft ist positiv – sie zählt alle guten Eigenschaften des Brotaufstrichs auf. Ähnlich verhalten sich Politiker, die im Wahlkampf kundtun, was sie alles können und planen für das Volk. Was sie in Zukunft unterlassen, behalten sie für sich. Daran könnte der Wähler ja erkennen, dass es Mankos gibt.
Auch wer einen journalistischen Text verfässt, sollte die Wirkung der Negation kennen. Eine Zeitung veröffentlichte unlängst einen Bericht über eine Beratungsstelle, die Frauen mit gesundheitlichen Problemen unterstützt. Die Überschrift lautete: „Der Mann steht hier nicht im Mittelpunkt.“ Ja, was hat er dann in der Schlagzeile zu suchen? Die Behauptung, dass er da „nicht im Mittelpunkt steht“, rückt ihn genau dorthin – da das Gehirn des Lesers das Wörtchen „nicht“ ausblendet. Ihm wird signalisiert: In dieser Beratungsstelle geht es um den Mann. Seltsam, dabei richtet sich das Angebot laut Artikel ausschließlich an Frauen.
Wenn ich in einem Porträt über einen Schauspielers behaupte, dass er keine Zeitprobleme habe, unterstelle ich ihm damit genau das: Dass er ständig von Termin zu Termin hetzt. Geschickter wäre es, zu schildern, wie sich der Mann entspannt auf die nächste Theaterprobe vorbereitet. Statt „nein, nein, nein“ – „ja, ja, ja“. Nicht schreiben, was nicht ist, was jemand nicht hat oder kann, sondern schreiben, was ist. Das ist ohnehin spannender.
Ihre
Josefine Janert

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