Schwierige Besitzverhältnisse

Ein Mann und eine Frau heiraten. Vor dem Altar streifen sie sich gegenseitig die Ringe über. Da ihre Finger in etwa gleich groß sind, sehen sich die Ringe zum Verwechseln ähnlich. Sie sind aus demselben Material, sie sind in derselben Breite gefertigt, sie kommen vom selben Juwelier. Sie unterscheiden sich nur durch die Inschrift: Susanne steht in dem einen, Pierre in dem anderen.

Trägt die Frau denselben Ring wie ihr Ehemann oder den gleichen? Diese Frage bringt nicht nur Ausländer ins Schwitzen, die Deutsch lernen, sondern auch so manchen Muttersprachler. Da so viele Leute die Regel nicht genau kennen, tauchen in den Zeitungen andauernd Fehler auf und verunsichern sprachbewusste Leser noch mehr. Richtig ist: Die Frau trägt den gleichen Ring wie ihr Mann. Wenn ich von demselben Schmuckstück spreche, dann meine ich nur ein einziges Ding. Das Wort „gleich“ signalisiert, dass der Gegenstand in zwei oder mehr Exemplaren vorhanden ist. Karl und Udo fahren dasselbe Auto, bedeutet: Sie teilen sich einen einzigen Wagen. Karl und Udo fahren das gleiche Auto, bedeutet: Sie kutschieren in zwei Fahrzeugen desselben Typs herum.

Ich würde nie dieselben Socken wie meine Freundin anziehen. Dann müsste ich ja ihren Fussschweiß verkraften. In meinem Schrank liegen aber die gleichen Socken: Sie sind auch blau-weiß geringelt, kommen vom selben Hersteller wie ihre und haben genauso viel gekostet.

„Wir treffen uns morgen zur gleichen Zeit!“ muss es heißen, denn die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen, die Stunden verrinnnen immer weiter. Deshalb kann ich mich nicht noch einmal zur selben Zeit treffen, ebenso, wie ich nicht zweimal in denselben Fluss steige. Das Wasser fließt immer weiter und das seit Anbeginn der Welt. Wenn ich abends mit Bekannten ausgehe, trinke ich das gleiche Bier wie sie. Das bedeutet, dass ich dieselbe Marke wähle. Da jede Flüssigkeit aber nur einmal eine menschliche Kehle hinunterrinnen kann, kann ich unmöglich dasselbe Bier zu mir nehmen wie sie.

Dass die Unterschiede inzwischen immer mehr verwischen, hängt wohl mit der Nachlässigkeit der Sprecher und Schreiber zusammen. Irgendwann werden diese Feinheiten vermutlich ganz verschwunden sein. Die deutsche Sprache wird um eine Facette ärmer sein. Wenigstens brauche ich mir dann keine Gedanken mehr über Fussschweiß zu machen.

Ihre

Josefine Janert