Der Dativ ist des Genitivs Konkurrent

Während der Ferien war ich in Schweden. Leider musste ich wegen des regnerischen Wetters auf die geplante Fahrradtour verzichten. Und auch auf meinen Nachmittagstee, denn das Café war infolge von Bauarbeiten geschlossen. Entsprechend meinen Plänen kehrte ich Ende August nach Berlin zurück.

So müssten die Sätze lauten: Genitiv nach „während“ und „wegen“, Dativ nach „infolge von“ und „entsprechend“. Doch es haben sich inzwischen auch andere Formen eingebürgert. Manche Leute sagen „während den Ferien“ oder „entsprechend meiner Pläne“. Dativ und Genitiv werden nach Belieben ausgetauscht, und das immer öfter. Das betrifft noch mehr Wörter, etwa „gemäß“ (erfordert den Dativ, nicht den Genitiv!), „statt“ (mit Genitiv), „nahe“ (mit Dativ), unweit (mit Genitiv) und so fort.

Der Sprachkritiker Bastian Sick ist reich und berühmt geworden mit seinen Zwiebelfisch-Kolumnen und dem Bestseller „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, in dem er u. a. das Dativ-Genitiv-Problem aufs Korn nimmt. Die Leute gehen in Scharen zu Sicks Lesungen und kaufen das wunderbare Buch. Trotzdem ändert sich kaum etwas. Selbst in renommierten Zeitungen und auf gepflegten Homepages ist zu lesen, dass die Menschen „wegen den starken Kurseinbrüchen an der Börse“ verzweifeln und dass „gemäß der Gesetze“ dieses oder jenes geschieht.

Dass selbst Journalisten, Schriftstellern und Lektoren derartige Fehler unterlaufen, mag an der Hektik ihres Arbeitsalltags liegen. Es hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen in Deutschland die Verwechslung von Dativ und Genitiv gar nicht mehr als solche wahrnehmen. „Wegen den starken Kurseinbrüchen“ klingt in ihren Ohren korrekt. Die Grammatikregeln sind tatsächlich schwierig, was aber die Sprachschluderei ebenso wenig entschuldigt wie die Hektik.

„Infolge“ verlangt den Genitiv – „infolge der Choleraepidemie starben drei Menschen“. Nach „Infolge von“ muss allerdings der Dativ kommen – „infolge von Straßenbauarbeiten bleibt das Geschäft geschlossen“. Nach „wegen“ muss der Genitiv eingesetzt werden, wenn danach ein bekleidetes Hauptwort steht: „wegen der niedrigen Preise“ oder „wegen des hohen Unfallrisikos“. Das Wörtchen „bekleidet“ meint ein Adjektiv oder Attribut, in unserem Fall also „niedrigen“ und „hohen“. Vor einem unbekleideten Hauptwort dürfen hingegen Dativ und Genitiv stehen. Ich kann also sowohl „wegen der Preise“ als auch „wegen den Preisen“ schreiben, „wegen des Unfallrisikos“ und „wegen dem Unfallrisiko“.

Wer jetzt verzweifelt die Hände ringt und seinen Duden vor Wut an die Wand werfen möchte, mag sich damit trösten, dass wir dank dieser sprachlichen Feinheiten viel mehr Möglichkeiten haben, uns auszudrücken. Gefühle, Nuancen, Unterschiede, Gemeinsamkeiten in Worte zu fassen. Aufgrund von Genitiv und Dativ. Mittels beider grammatikalischer Fälle.

Ihre

Josefine Janert