Das Zentralorgan der Legastheniker
Ein Bekannter von mir liest seine Tageszeitung mit dem Rotstift in der Hand. Er ist Rentner, er hat viel Zeit. Er verbringt meist eine Stunde mit seinem Hobby, dem Anstreichen von Rechtschreib- und Grammatikschnitzern. Besonders häufig findet er Sätze, in denen der Autor den Genitiv statt des Dativs verwendet hat und umgekehrt. Bisweilen entdeckt er auch sachliche Fehler, falsch geschriebene Namen bedeutender Künstler oder Politiker, Verbände, Sachverhalte, die der Journalist nicht korrekt wiedergegeben hat. Gelegentlich ruft mein Bekannter in der Redaktion an. Ich glaube, die Sekretärin des Lokalressorts kennt ihn schon. Sie ist freundlich und dankbar für seine Hinweise. Aber sie tut ihr Möglichstes, um meinen Bekannten abzuwimmeln. Die Redakteurin hat viel zu tun, sie kann jetzt leider nicht mit ihrem aufmerksamen Leser sprechen.
Mein Bekannter ist hartnäckig.
Meistens schreibt er einen Brief.
Einen Internetzugang hat er nicht.
Das ist gut für das Lokalressort.
Mein Bekannter mag ein Stinkstiefel sein, aber seine gelegentlichen Gefühlsausbrüche angesichts eines neuen orthographischen Fehltritts der Redaktion rufen mir ins Gedächtnis, dass auch meine Arbeit von hunderten von Menschen überprüft wird: den Lesern. Die Ergebnisse journalistischer Arbeit sind öffentlich. Jeder kann sie loben oder daran herummäkeln. Es ist leicht, sich als Journalist lächerlich zu machen. Es ist schwer, den guten Ruf einer Zeitung wiederherzustellen, wenn sie einmal als Zentralorgan der Legastheniker verschrien ist.
Jede Redaktion kennt solche Leser wie meinen Bekannten. Sie rufen an, schicken Briefe und E-Mails. Manche machen das einmal, andere tun es öfter. Einige sind Spezialisten für ein bestimmtes Sachgebiet, die in einem Artikel eine Passage gefunden haben, die ihres Wissens nicht richtig ist. Das kommt vor, leider. Besonders peinlich sind Fehler, die der Autor bei gewissenhafter Recherche hätte vermeiden können. Oder dadurch, dass er vor der Veröffentlichung das Rechtschreibprogramm seines Computers benutzt oder einen Kollegen gebeten hätte, den Text gegenzulesen.
Für freie Journalisten sind Fehler fatal. Welcher Redakteur will einen Mitarbeiter, dessen Texte er erst einmal einer 15minütigen Korrektur unterziehen muss? Das raubt Zeit im ohnehin anstrengenden Redaktionsalltag. Das verärgert selbst den geduldigsten Kollegen, der sich schließlich auf seinen Freien verlassen möchte.
Ihre
Josefine Janert

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