Die Rolle der Bedeutung

Schmidt hat viel zu tun. Er kümmert sich um die Erreichung der Zielsetzung zur Genderkompetenz, die sein Chef auf der Teamsitzung am Montag angedacht hat. Für dieses Thema, das weiß Schmidt aus Erfahrung, benötigt man eine gehörige Portion Sensibilität und Aufgeschlossenheit, ferner die Kenntnis geschlechterpolitischer Ansätze und der Rolle der Bedeutung der Aufklärungsarbeit in der Praxis.

Wörter: viele. Inhalt: keiner. Je mehr Substantive der Autor aneinander reiht, um so schneller schaltet der Leser sein Gehirn ab. Mehrere Genitive hintereinander sorgen bisweilen für unfreiwillige Komik. Aufzählungen, in denen es vor -ungen und -ierungen nur so wimmelt, versetzen selbst den geduldigsten Menschen in den Tiefschlaf.

Sicher, nicht jedes Substantiv ist hässlich. Einen angenehmen Klang haben die, die unserem Alltag entstammen. Tisch, Lampe, Fischfilet, Theaterstück, Sex, Sonnenuntergang – all das sind Wörter, die wir täglich in den Mund nehmen, ohne uns daran zu verschlucken. Tonnenweise Staub rieselt hingegen von den Wortungetümen aus dem Behörden- und Wirtschaftsdeutsch, teilweise auch aus der Wissenschaft, die wir häufiger schreiben als aussprechen. Perspektivierung. Gewinnmaximierung. Agendaprozess. Lebensrealität. Optimierung. Mobilitätsverhalten. Intensivierung. Pfui! Am ärgsten graust es mich, wenn sie gehäuft auftreten, in ellenlangen Sätzen. Untoten gleich geistern sie durch viele Artikel und zeugen meist davon, dass der Autor zu bequem war, den Satz irgendeines Experten in verständliches Deutsch zu übersetzen. Oder auch davon, dass der Journalist nichts zu sagen hatte.

Ich glaube, dass es in deutschen Zeitungen mehr Substantivierungen gibt als vor zehn Jahren. Das mag daran liegen, dass wir Journalisten weniger Sorgfalt auf die Sprache verwenden. Und auch daran, dass Begriffe aus dem Englischen schlecht ins Deutsche übertragen werden. Vielleicht nimmt auch unsere Fähigkeit ab, den Alltag so zu beschreiben, wie er ist. Vorbei sind die Zeiten, da der Mensch eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Ofenheizung und Freunde hatte. Inzwischen hat er eine Großstadt-spezifische Lebensrealität und ein soziales Umfeld. Doch darunter kann ich mir wenig vorstellen. Welcher Schriftsteller hat gesagt, dass das ausdrucksstarke Verb das wichtigste Glied des Satzes ist? Recht hat er. Mit einem Freund kann ich reden und lachen und Wein trinken, mit dem sozialen Umfeld nicht.

Ihre

Josefine Janert