Es lebe die deutsche Weihnacht!

Anna ist gerade von einem City-Weekend zurückgekehrt – chillen und loungen nach Herzenslust. Sie fährt ihren Computer hoch und schaut, ob E-Mails vom Boss eingetroffen sind. So ein Homeoffice hat doch seine Vorteile, obwohl Anna ihren Kollegen auch gern Face-to-Face gegenübersitzt. Nach ein paar Jahren als Jobhopperin hat sie ihre Employability mit einer Doktorarbeit über den Clash of Cultures gepusht. Sie ist eine richtige Powerfrau. Nein, keine News. Anna streift Tanktop und Overknees ab und schmeißt sich für das Get-together am Abend in ein cooles Outfit. In Berlin ist immer etwas los, vor allem vor X-mas.

Schöne, neue Sprachwelt: Nicht nur in den Bedienungsanleitungen für Elektronik, auch in den Medien wimmelt es nur so vor Anglizismen. Journalisten übernehmen einfach die englischen Begriffe, die ihnen Wirtschafts- und Computerfachleute vorsprechen. Dabei belegen Umfragen immer wieder, dass viele Deutschen die Lehnwörter nicht verstehen. Wer's nicht glaubt, stelle sich einmal auf die Straße und frage die Passanten, was ein Management-Buy-out oder was eine Win-Win-Situation sind.

Tageszeitungen werden für Menschen aller Altersgruppen gemacht. Die 16-jährige Schülerin, der Langzeitarbeitslose, der 87-jährige Rentner sollen die Artikel begreifen können – und zwar alle. Deshalb hat der Redakteur sprachliche Barrieren tunlichst niederzureißen. Zwar richten sich Fachzeitschriften an ein kleineres, kundigeres Publikum, doch auch hier sind viele Anglizismen überflüssig. Warum? Weil die deutsche Sprache ein Kulturgut ist, das zu pflegen zu den edelsten Aufgaben des Journalisten gehört. Die Franzosen machen es uns vor. Selbst in einer so winzigen Sprache wie Schwedisch gibt es einheimische Wörter für „Homepage“ und „USB-Stick“.

Viele englische Begriffe wirken griffiger, moderner als die deutschen. „Manager“ strahlt scheinbar mehr Kraft aus als „Führungskraft“. Doch es geschieht oft, dass sich Gesprächspartner hinter dem englischen Terminus verschanzen. Schlimmstenfalls schwatzen sie über Private-Equity-Gesellschaften und Key-Account-Management und geraten ins Stammeln, wenn sie diese Fachtermini auf Deutsch erklären sollen. Es lohnt sich nachzufragen, um zu prüfen, ob der Fachmann tatsächlich einer ist. Mit englischen Begriffen werden auch Tatsachen geschönt. Ein Beispiel: „Convenience“ ist doch ein wohlklingendes Wort. Es bedeutet Annehmlichkeit. Convenience-Food ist aber nichts anderes als ein Fertiggericht, eine Dosensuppe oder eine Tiefkühlpizza. Lecker, oder?

Deutsche Firmen übernehmen gern englische Bezeichnungen, damit Ausländer ihre Hierarchien durchschauen können. Deshalb sind wir umzingelt von Senior Consultants, Chief Executive Officers und Operation Managers. Redakteure sollten für diese Begriffe ruhig deutsche Alternativen finden und englische Fachbegriffe erläutern. Dem Leser komplizierte Zusammenhänge zu erklären, gehört auch zu den Aufgabe eines Journalisten. Mancher Kollege hat sich beim Übersetzen allerdings schon blamiert. So stand in der Presse, dass amerikanische Soldaten mit tragbaren Radios durch die Wüste von Kuweit gerannt seien. Im Original war von „mobile radios“ die Rede, von Funkgeräten.

Natürlich gibt es viele Anglizismen, die aus der Alltagssprache kaum mehr wegzudenken sind. Wer möchte zum Popcorn schon Puffmais sagen und zum Haarspray Haarsprüh? Wir brauchen jedoch keine Second-Class-Tickets, da wir die gute alte zweite Klasse haben, keine Wake-up-Calls und erst recht kein X-mas. Es lebe die deutsche Weihnacht!

Ihre

Josefine Janert