Ein Hund ist ein Hund
„Der Kerpener landet mit seinem Geschoss im Acker“ – „Von nun an müssen die Buchfinkenstädter ihren Vierbeiner an der Leine führen“ – „Besonders den Kindern gefielen die wuscheligen Freunde“ – „Neues Glück für den Leimener“ – „Die Uckermärkerin auf dem Drahtesel“.
Der Journalist soll sich einer lebendigen abwechslungsreichen Sprache bedienen. Sollte eigentlich nicht schwierig sein, denn die deutsche Muttersprache hält ein reichhaltiges Vokabular bereit, dessen größter Teil allerdings brach liegt. Die Diskrepanz zwischen aktivem und passivem Wortschatz ist beeindruckend. Nicht weniger beeindruckend ist der Einfallsreichtum vieler professioneller Schreiber, niederschmetternd hingegen das Ergebnis.
Ein Hund wird zum Vierbeiner, der Halter zum Herrchen, Vögel mutieren zu gefiederten Freunden, Hasen zu „Wuscheltieren“, Köln zur „Domstadt“, der Tennisspieler Boris Becker wird kurzum nach seiner Geburtstadt benannt und „Leimener“, der Rennfahrer Michael Schumacher nach dem gleichen Muster „Kerpener“. Wirtschaftsjournalisten benennen Frankfurt zur „Bankenstadt“ um, Kulturjournalisten heißen Köln die „Domstadt“. Lokaljournalisten wollen auf der Neuschöpfungswelle reiten und bezeichnen den in einem Text thematisierten Stuhl als „vierbeinige Sitzfläche“, ein schnelles Auto als „Geschoss“, den Bewohner der Stadt Bad Homburg als „Kurstädter“ und Usingen im Taunus als „Buchfinkenstadt“, weil der Vogel dort vorkommt.
Das Ergebnis ist nicht weniger als verwirrend: Läuft also ein Vierbeiner vor den Drahtesel des Leimeners, der in der Buchfinkenstadt Urlaub macht und hernach nicht mehr auf seinen vier Buchstaben sitzen kann, weil er sich am Steiß verletzt hat. – Wer, verdammt nochmal –, ist der Leimener (Boris oder Michael?), wo um Gottes Willen ist die Buchfinkenstadt, welcher Dom wo, gotisch oder romanisch? Der Vierbeiner ist vermutlich ein Hund, kein Krokodil. Aber welche „Buchstaben“ sind gemeint? A…. hat doch fünf.
Es ist die vornehmste Aufgabe des Journalisten, Sachverhalte beim Namen zu nennen und nicht zu verklausulieren. Wer weiß schon, dass die Bundeskanzlerin aus der Uckermark (wo war das jetzt noch?) stammt. Ein Zeitungstext ist kein Kreuzworträtsel; der Leser soll nicht „um die Ecke denken“, sondern den Inhalt des Texts verstehen. „Domstadt“ (welche? Köln, Mainz, Speyer), die „Bankenstadt“ (für deutsche Kenner: Frankfurt) und von „Frauchen“ oder „Herrchen“ ausgeführte „Vierbeiner“ machen es dem Leser schwer.
Sie lenken vom Inhalt ab und nötigen ihn zu unnötiger geistiger Anstrengung. Nicht umsonst stehen diese Umschreibungen auf den „schwarzen Listen“ angesehener Zeitungen. Sie sind auch längst nicht mehr lustig. Da sind sich selbst Vierbeiner aus „Banken- und Domstadt“ ungesehen einig. Wuff.
Ihre
Martina Dreisbach

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