Der Idiotenapostroph
Ein Satzzeichen tritt zum Siegeszug im deutschsprachigen Raum an: der Apostroph. Erst schlich es sich nach amerikanischem Vorbild in Firmennamen ein und bescherte uns „Manfred's Currytheke“ und „Gitti's Haarsalon“. Dann okkupierte es die Präpositionen, den Genitiv und den Plural. Und sorgt dafür, dass deutsche Sätze neuerdings eigentümlich zerrupft aussehen, dann nämlich, wenn Mutti's und Vati's in Berlin's größtem Kaufhaus für's kleine Geld Shirt's, Creme's und andere Accessoire's für ihre Baby's kaufen. Nicht einmal sonntag's hat man seine Ruhe vor dem Apostroph, da tischt einem der Kellner mittag's Spaghetti's auf, traktiert einen mit Cappuccino's und Muffin's und schiebt laufend neue CD's in den Rekorder. Es bleibt einem auch nicht's erspart. Angesicht's von so viel Ungemach möchte man nur noch in's Bett, Fencheltee's trinken und Ruhe vor ihm, dem berüchtigten, dem Idiotenapostroph.
Gibt's nicht? Gibt's doch. Die massenhafte Ausbreitung des Zeichens ist erstaunlich, da ungeübte Schreiber es auf der Computertastatur erst lange suchen müssen. Auch klingt der Name wenig sympathisch: Apostroph, das erinnert an langweilige Schulstunden, während derer die Deutschlehrerin durchs eingestaubte Klassenzimmer stakste und einem mit ihren lehrplangerechten Interpretationen den Faust und den Fontane vermieste. Viele seiner Jünger wissen sicher gar nicht, wie der Apostroph geschrieben wird. Das ist auch gut so, sonst würden sie noch mehr Apostroph's setzen. Da würden sich zu Oma's und Opa's, zu Info's und E-Mail's noch mehr so'n Zeug's gesellen. Obwohl es so gar nicht in den Duden's und Grammatiklehrbücher'n steht.
Seinen angestammten Platz hat der Apostroph in Sätzen, in denen er zusammen mit dem „s“ das Wörtchen „es“ ersetzt. Wir haben's eigentlich leicht mit ihm, in dieser Beziehung geht's uns gut. Laut neuer Rechtschreibung darf er allerdings an dieser Stelle auch weggelassen werden. Ich sags ja, ist 'ne feine Sache, dieses kleine Ding. Ferner kann der Apostroph den unbestimmten Artikel „ein“ verkürzen. Ist halt 'ne praktische Sache, dieses kleine Zeichen. Auch „Manfred's Currytheke“ und „Gitti's Haarsalon“ sind korrekt nach der neuen Rechtschreibnorm – also Firmennamen mit einem Genitiv. Die anderen Formen aber nicht. Der deutsche Plural und der Genitiv in allen anderen Wendungen bleiben uns in ihrer bisherigen Schreibweise und Schönheit erhalten, ebenso die Präpositionen. Mamas und Papas gehen auch weiterhin freitags in Restaurants, wo sie Spaghetti (oder auch Spagetti), Litschis und Muffins essen. Aus den Lautsprechern ertönt dazu übrigens Musik von schönen CDs. Darauf ein paar Kognaks!
Ihre
Josefine Janert

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