"Trendstudie Wissenschaftskommunikation" erschienen
Wo steht die deutsche Wissenschaftskommunikation heute, angesichts fundamentaler Veränderungen im Mediensystem? Was sind aktuell die größten Herausforderungen, welches viel versprechende Lösungswege?
Antworten gibt nun eine umfangreiche, vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft geförderte Trendstudie des Deutschen Forschungszentrums für Wissenschafts- und Innovationskommunikation (innokomm). Betrachtet werden dabei alle Spielarten der Wissenschaftskommunikation sowie deren gegenseitige Einflüsse – Journalismus, PR und innerwissenschaftliche Kommunikation.
Die Studie geht von einer Bestandsaufnahme unter gut 300 befragten Wissenschaftskommunikatoren aus, deren Ansichten von 30 Experten aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen einer Delphi-Studie vertieft diskutiert wurden. Nach Einschätzung von Studienautor Alexander Gerber bricht – historisch betrachtet – gerade die fünfte Entwicklungsphase der Wissenschaftskommunikation an: von den Utopien der 1950er Jahre (1) über die frühen Aufklärungskampagnen (2) und die mit zunehmender Kritik auch immer umfassendere Wissenschaftsberichterstattung (3) bis hin zum "Public Understanding of Science and Humanities" (4). Phase 5 sei gekennzeichnet durch die Entwicklung des Internets zum neuen Leitmedium. Damit einher gehe eine Entgrenzung des Dialogs und der Themen.
Zu den wichtigsten Ergebnissen der Trendstudie zählen die folgenden vier Trends und Bedarfsfelder:
1. Das Netz als neues Leitmedium der Wissenschaft
Klassische Ansätze zur Vermittlung und Aufbereitung greifen immer öfter zu kurz. In der Wissenschaftspublizistik gibt es erste zaghafte Ansätze, diesen Veränderungsdruck für Innovationen zu nutzen – Recherchetechniken, interaktive Formate, Netzwerk-Distribution und angepasste Geschäftsmodelle sowie ansatzweise Investigation. In der PR ist ein immenser Beratungsbedarf entstanden, wie mit den durch das Web 2.0 entstehenden Chancen und Risiken umzugehen ist. Wissenschaftler müssen in Aus- und Weiterbildung deutlich besser auf den direkten Dialog vorbereitet werden. Außerdem stellen sich gesamtgesellschaftlich drängende Fragen der Informationskompetenz, denn die Kehrseite des Web 2.0 ist eine Verengung des wahrgenommenen Meinungsspektrums (Stichwort „Schweigespirale“).
2. Durch Transparenz zu einer neuen „Kultur der Kommunikation“
Die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Gruppen soll künftig im Sinne einer „Scientific Citizenship“ einbezogen werden. Hierfür muss die noch immer vorherrschende mediale Konzentration auf Forschungs-Ergebnisse mit neuen Formaten aufgebrochen werden, die authentischer zwischen ergebnis- und prozessorientierter Perspektive hin- und herschalten. Auch die Wissenschaft selbst ist jedoch gefordert, die Relativität des von ihr erzeugten Wissens transparenter zu machen.
3. Selbstverständnis und Anforderungsprofil des „Kommunikators“ wandeln sich zum Mediator
Eine nachhaltige Wissenschaftskommunikation geht schon heute weit über die „Verpackungsindustrie“ klassischer PR hinaus. So wird sich Vermittlungsleistung künftig stärker daran bemessen, ob auch innerhalb der eigenen Institution die Puzzleteile transdisziplinär zusammengesetzt werden, anstatt bloß Projektergebnisse zu verbreiten oder Markenpflege zu betreiben. Dies ist vor allem eine Herausforderung für die PR-Aus- und Weiterbildung. Statt die eigenen Themen durch verengte Informationskanäle zu zwängen, ist ein „Agenda Surfing“ auf gesellschaftlich-politischen Wellen gefragt. Als Kehrseite der PR-Professionalisierung wird es künftig außerdem immer wichtiger, koordiniert und kooperativ zu kommunizieren.
4. Grundlegende systemische Veränderungen
Die geltenden Kriterien für Mittelvergabe, Evaluation und Berufung berücksichtigen die Kommunikation der Forscher mit einer breiten Öffentlichkeit kaum. Neue Anreizsysteme müssen erwogen werden, die eine „Kultur der Kommunikation“ als Katalysatoren fördern. Eine der größten Herausforderungen liegt hierbei in der Mess- und somit Vergleichbarkeit von Kommunikationsleistung. Dies wird mittelfristig zu einer Debatte über Normen und standardisierte Ergebnismessungen führen sowie kurzfristig spezielle Audits erforderlich machen.
Quelle: innokomm
//
Weiterführende Informationen:
Der Stifterverband stellt eine komprimierte PDF-Version zur Verfügung, die hier kostenfrei heruntergeladen werden kann.
Bibliographische Angaben:
Vorhang auf für Phase 5 – Chancen, Risiken und Forderungen für die
nächste Entwicklungsstufe der Wissenschaftskommunikation
Autor: Alexander Gerber
edition innovare. Berlin 2011
ISBN 978-3-9814811-0-5

nach oben
drucken
weiterempfehlen